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Der Knopf

GEWÖHNLICH ist er klein und rund und für uns alle so selbstverständlich, dass wir ihn kaum bewusst wahrnehmen.

Aber wehe, er fehlt! Dann kann es sein, dass buchstäblich alles auseinander fällt: der Bauch aus der Hose, das Kind aus dem Strampelanzug, das Bett aus dem Bettbezug. — Wir sprechen vom Knopf.

Bunte Knopf-Vielfalt Ursprünglich war der Knopf ein aus Schnurmaterial geknüpfter Knoten. Seine Heimat ist vermutlich Zentralasien, wo man den Schnurösenverschluss auch heute noch kennt — und von dort aus gelangte er dann im Mittelalter über die Türkei in das bis dahin knopflose Abendland.

Hier nämlich war der Knopf zwar als Schmuckstück bekannt, auch als Demonstrationsobjekt für die Vermögensverhältnisse seines Trägers — jedoch war er fast gänzlich ungenutzt als Kleiderverschlusssache.

Hierzu brauchte es nämlich die Idee der Öse, und die wurde nun begeistert aufgegriffen. Man erfand an ihrer Stelle das Knopfloch — und seither ging nichts mehr ohne Knopf.

Vornehmlich die Männer nahmen sich den Knopf zur Brust. Sie waren es wohl, die es ganz besonders schätzten, durch den praktischen Knopfverschluss von den umständlichen, langwierigen Schnür-, Knüpf- und Nestelverfahren endlich erlöst zu sein; jedenfalls trug der Mann ab sofort Knopf, und zwar viel und offensichtlich und, wie es scheint, auch mit Begeisterung:

"Die Historiker, welche die Weltgeschichte schreiben, haben vergessen, vom Knopfzeitalter zu sprechen", schwärmt jedenfalls ein (männlicher) Knopf-Fan unserer Tage in einer Londoner Zeitung. "Sie sprechen von Männern der Steinzeit, der Bronzezeit und der Eisenzeit, doch erwähnen sie nie die Knopfzeit, welche doch die wichtigste von allen ist, da die Einführung des Knopfes die Scheidewand zwischen den zivilisierten Menschen und dem Menschen ist, welcher annahm, zivilisiert zu sein."

Es ist nicht bekannt, welche exzessiven Knopf-Erlebnisse den Urheber dieses Satzes zu einer solch ungeheuerlichen Aussage getrieben haben.

In jedem Fall aber hat der Mann natürlich unrecht, denn kein vernünftig denkender Mensch würde je auf die Idee kommen, beispielsweise das antike Griechenland als unzivilisiert zu bezeichnen, noch dazu deswegen, weil die Menschen damals keine Knopfverschlüsse benutzten.

Knöpfe mit dem beliebten Ankermotiv

Im Gegenteil: die damals verwandten Gewandnadeln und -Spangen waren zum Teil so kunstvoll, raffiniert und intelligent konstruiert, dass es ganz sicher nicht an der geistigen Kapazität der Menschen von damals gelegen haben kann, dass sie den Knopf nicht erfanden. Vielmehr drängt sich angesichts des weichen Faltenwurfs, den die Gewandnadeln ermöglichten, der Verdacht auf, dass sie den Knopf überhaupt nicht erfinden wollten.

Klug, wie sie waren, wussten sie die Behaglichkeit einer körperfreundlichen, flexibel verschließbaren Gewandung nämlich weit mehr zu schätzen; und ihre hohe zivilisatorische Leistung erweist sich darin, dass sie nicht daran dachten, ihr physisches Wohlbefinden der Diktatur eines Zentimetermaßes zu unterwerfen. Sie wählten die Kleidung, die ihnen diente und die sich ihrer jeweiligen Tagesbefindlichkeit anpasste.

Knopfkleidung dagegen passt sich überhaupt nicht an. Sie fordert unablässig Disziplin und Selbstkontrolle, will man nicht aus dem vorgeknöpften Rahmen fallen. - Zuviel gegessen? Gar zugenommen? Der Knopf gönnt uns keinerlei Ausuferung und meldet das auch sofort durch schmerzhaften, pointierten Druck. Ignorieren wir das Alarmsignal, springt er einfach ab. Meist tut er das auch noch gezielt, sprich in gesellschaftlichem Rahmen; und da sitzen wir dann mit der offenkundigen Enthüllung unserer Entgleisungen und schämen uns.

Knopfkiste mit besonders schönen Exemplaren Auch körperliche Spontanbewegungen toleriert der Knopf nur begrenzt: welcher Mann wurde nicht schon in seiner Sehnsucht nach Entspannungsgesten warnend von Hemd- und Manschettenknöpfen zur Haltung gemahnt?

Je mehr einer Knopf trägt, desto mehr trägt er also auch die Erfahrung mit sich, dass die persönliche Freiheit im Leben doch recht begrenzt ist. Das jedoch eignet den Knopf hervorragend dafür, unerwünschte Abirrungen in die Individualität zu korrigieren — eine Sache, die man sofort durchschaute und in der Erfindung der Uniform verwirklichte.

Folgerichtig findet sich der Knopf somit als Zeichen der Dienstbarkeit haufen- bzw. reihenweise an Livreen verschiedenster Art und auch an den Uniformen der getreuen Staatsdiener. — Preußens König Fritz in einer Toga? Nein, nur dank Knopf funktionierte sein Prinzip von Bauch rein, Brust raus und Blick geradeaus, und das wußte er auch, und so marschierte er mit von oben bis unten durchgeknöpftem Rock über seiner ebenfalls knopfreichen Uniform seinen Soldaten voran.

In der Damenwelt war der Knopf zwar als Zierde beliebt, als Verschlussmoment jedoch verhielt man sich ihm gegenüber reserviert und hielt sich lange Zeit an die versteckten Häkchen; man hatte ja auch noch Zeit zum Verhaken und Verschnüren. Das änderte sich — wen wundert's — von der Mitte des 19. Jahrhunderts an, als das beginnende Industriezeitalter auf Tempo drang. Und als den Damen im Zuge der bürgerlichen Revolution etliche Knöpfe im Kopf aufgingen, da blieb endgültig keine Zeit mehr zum stillen Knüpfen und Nesteln — also griffen auch sie nach dem Knopf.

Und so gehört er nun endgültig allen; der Knopf. Milliardenweise rollt er über die Erde, in allen Formen und Farben; und als noch schnellerer Druckknopf. Nur vereinzelt finden sich noch Oasen in der Welt, wo die Menschen anmutig und gelassen und rücksichtsvoll gegen sich selbst ihre Kleidung mit Bändern und lockeren Knoten zusammenhalten.

Doch jede Kultur hat eben das, was sie verdient.

Wir haben den Knopf.

Christina Calvo

 

Quelle:
Die Galerie der kleinen Dinge
Haffmans Verlag, Zürich 1987
nur noch antiquarisch erhältlich


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