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Zinn
Kurzinformation
Hinweise von google

Die Bilder stellte uns freundlicherweise das
Auktionshaus Bergmann
zur Verfügung.


Zu den begehrtesten Sammlerobjekten gehören heute Gegenstände aus Zinn, jenem matt silbrig glänzendem Metall, das man früher als »Bürgersilber« bezeichnete. Der uralte Werkstoff, bereits im vierten vorchristlichen Jahrtausend gewonnen und verarbeitet, ist nach jahrzehntelanger Vergessenheit wieder zu Ehren gelangt. Moderne Zinnwaren werden heute für den täglichen Bedarf oder als Schmuck in fast allen Kaufhäusern angeboten, und antikes Zinn ist überaus gesucht.

Humpen, Zinn um 1800 Das weiche Schwermetall ist eines der ältesten Metalle. Zusammen mit dem ebenfalls verhältnismäßig weichen Kupfer ergab es die Bronze, die einem ganzen Abschnitt der Menschheitsgeschichte den Namen gegeben hat. Die Hauptabbaugebiete des Altertums lagen im östlichen Iran und zwischen Kaspischem Meer und Aral-See; gehandelt wurde der begehrte Rohstoff von den Chaldäern, Assyrern und Babyloniern. Die ägyptischen Pharaonen waren darauf bedacht, von den unterworfenen Völkern Zinn als Tribut einzutreiben; daraus wurden Sakralgefäße gefertigt.

Schmuck aus reinem Zinn war bei den alten Persern ebenso begehrt wie in Altindien. Die wachsende Nachfrage veranlasste die geschäftstüchtigen Phönizier, neue Bezugsquellen im Westen und Nordwesten Europas zu erschließen, besonders auf den Britischen Inseln, die zum Hauptlieferanten des Römerreichs wurden.

Zinngerät war bei den Römern der Antike sehr beliebt; Plinius rühmte es als den gesündesten aller Werkstoffe und empfahl Gefäße aus Zinn zur Aufbewahrung von Nahrungsmitteln, Getränken und Medikamenten. Auch im Byzantinischen Reich wurde Zinn fast ebenso hoch bewertet wie Gold und Silber.

Im Mittelalter stammte das im Abendland verarbeitete Zinn fast ausschließlich aus England, Sachsen und Böhmen. Erst im 18. Jahrhundert bezog man das Metall in größeren Mengen auch aus Indonesien. Heute sind die größten Produzenten der Welt Malaysia, China, die Sowjetunion und Großbritannien.

Gefördert werden im Jahresdurchschnitt etwa 220 000 Tonnen. In reinem Zustand ist das weich schimmernde, an der Luft nicht oxydierende und der menschlichen Gesundheit nicht schädliche Zinn zu weich, um für Gebrauchsgegenstände verarbeitet zu werden.

Jugendstil-Schale, Nürnberg um 1900

Deshalb setzt man ihm seit alters andere Metalle zu, etwa Kupfer, Antimon, Blei, Zink und Wismut; diese Legierungen ergeben das mehr oder weniger harte Gebrauchszinn.

Vor der Einführung der Galvanoplastik gab es verschiedene Standardlegierungen, so das Arbeiterzinn aus 90 Prozent Zinn, 9 Prozent Antimon und 1 Prozent Kupfer, das englische Zinn aus 88 Prozent Zinn, 7 Prozent Antimon, 4 Prozent Kupfer und 1 Prozent Wismut, das Britanniametall aus 90 Prozent Zinn und 10 Prozent Antimon sowie das Gedeckzinn aus 58 Prozent Zinn, 17 Prozent Antimon, 10 Prozent Zink und 5 Prozent Kupfer. In den billigeren Legierungen spielte Blei eine große Rolle; das englische Ley enthielt 20, das algerische Zinn gar fast 35 Prozent Blei.

Schatulle, deutsch um 1900 Das hatte seinen guten Grund: Durch die Bleizugabe wurde die Legierung fester, ließ sich leichter verarbeiten und war zudem erheblich billiger. Allerdings wurde sie dadurch auch dunkler und stumpfer, und schlimmer noch war, daß die aus stark bleihaltigem Zinn gefertigten Gefäße gesundheitsschädlich sind, wenn daraus gegessen und getrunken wird oder darin Nahrungsmittel aufbewahrt werden.

Die gesundheitlichen Schäden waren früh schon nicht zu übersehen, und deshalb wurden bereits im 13. Jahrhundert, zuerst in England und dann in Deutschland, Zunftregeln erlassen, die den Bleianteil einschränkten.

So setzte man in Nürnberg als Höchstgrenze für Gebrauchszinn für Nahrungsmittelbehältnisse einen Anteil von einem Pfund Blei auf zehn Pfund Zinn fest (»Nürnberger Probe«). Ferner musste das Mischungsverhältnis durch eine Marke gekennzeichnet sein.

Für höchste Ansprüche durfte freilich nur absolut bleifreies Zinn Verwendung finden, das man als »lauteres« oder »gerechtes« Zinn bezeichnete; erlaubt waren geringe Zusätze von Kupfer oder Messing. Die Beimengung von Antimon wurde erst im 19. Jahrhundert üblich. Diese Vorschriften waren allerdings nichts Neues: Schon dreitausend Jahre früher hatte man in China ähnliche Gebote erlassen.

Zinn wird in Formen aus verschiedenen Materialien gegossen. Im Mittelalter besonders geschätzt wurden Messingformen, die heute ebenfalls begehrte - und seltene - Sammelobjekte sind; da sie teuer waren, taten sich oft mehrere Zinngießer (Kandelgießer oder Kandler genannt) zusammen, um sie gemeinsam zu erwerben. Manchmal wurden gegossene Stücke nachträglich mit Holzhämmern bearbeitet, um die Formen deutlicher herauszuheben oder verschiedene Ornamente anzubringen. Getriebene Stücke sind selten, da das Material für diese Bearbeitungstechnik nicht elastisch genug ist.

Bearbeiten ließen sich die fertigen gegossenen und geschliffenen Zinngegenstände außer durch Hämmern auch durch Gravieren mit nagelartigen Sticheln, durch Flecheln mit dem Flachstichel und durch chemisches Ätzen, das, von den Waffenschmieden übernommen, freilich nur wenig angewandt wurde, da es ebenso zeitraubend wie kostspielig war. Besonders in Sachsen war in neuerer Zeit die Applikations-Verzierung verbreitet: Dünne Zinnstreifen wurden mit einem gepunzten Muster versehen und dann auf die zu schmückenden Gegenstände aufgelötet.

Selten wurden Zinngegenstände versilbert, noch seltener vergoldet; das Verfahren wurde fast nur für sakrale Gerätschaften angewandt. Häufiger schmückte man Zinnwaren mit Kupfer- oder Messingdekor, der als Reliefs, Füße, Ringe, Griffe oder Bänder aufgebracht oder ähnlich den Intarsien in Vertiefungen des Zinngegenstands eingelassen wurde.

Zunft-Humpen,

Im Mittelalter waren die Zinngießer in Zünften zusammengeschlossen, die es spätestens seit dem 12. Jahrhundert in jeder größeren Stadt gab. Die Zünfte sorgten für die Ausbildung der angehenden Handwerker, legten die Zahl der Meisterbetriebe fest und überwachten streng die Qualität der Arbeit. Strikte Vorschriften und drastische Strafen sorgten für die Einhaltung der hohen Normen.

Um die Produktion eines jeden Kandelgießers kontrollieren und Beanstandungen überprüfen zu können, musste jeder Meister, der eine eigene Werkstatt eröffnen durfte, in der Zunftrolle oder beim Magistrat ein »Meisterzeichen« hinterlegen und mit diesem seine Produkte kennzeichnen. Dazu kamen noch eine »Stadtmarke« und ab der Renaissance auch bestimmte Qualitätsmarken, die freilich von so verwirrender Vielfalt waren, daß sie in diesem Zusammenhang nicht ausführlicher behandelt werden können. In der umfangreichen Fachliteratur, die dem Zinnsammler heute zur Verfügung steht, sind sie beschrieben und abgebildet.

Jugendstil-Schmuckschatulle, deutsch um 1910, Zinn versilbert Trotz dieser vielen Kennzeichnungen alten Zinns sind Fälschungen nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen, denn auch die Punzen werden häufig gefälscht. Verhältnismäßig leicht hat man es, wenn sich die Fälscher im Punzenwesen nicht auskennen und beispielsweise statt einer Meister- und einer Stadtmarke zwei Meister- oder zwei Stadtmarken einschlagen oder neben eine deutsche Qualitätsmarke ein französisches Zunftzeichen setzen.

Schwieriger wird die Sache, wenn ein echtes Stück teilgefälscht wird, etwa indem ein alter glatter Teller nachträglich durch Ornamente zum Zierteller aufgewertet wird.

Abschließend noch kurz einige Worte zur Zinnkrankheit (Zinnpest, Zinnfraß), die viele Sammler so fürchten. Sie befällt am ehesten Gegenstände aus bestem bleiarmem Zinn. Verursacht sein kann sie durch fehlerhafte Dosierung der Legierung, durch falsche Gußtemperatur, durch zu rasche Abkühlung nach dem Guß und vieles andere. Befallene Gegenstände lassen sich jedoch bei rechtzeitigem Eingreifen durchaus retten.

aus "Sammeln macht Spaß"
Die praktische Hausbibliothek Band 12
Éditions des Connaissances Modernes, Freiburg 1975

nur noch antiquarisch erhältlich


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