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Um 1770 brach in Deutschland die Silhouetten-Mode aus. Man schickte einander die kleinen Konterfeis, klebte sie in die Stammbücher, hängte sie an die Wand, sammelte und tauschte sie. Sie wurden geschnitten, getuscht, gestochen, geschliffen und geritzt, und erst die Erfindung der Daguerrotypie (1838) setzte diesem liebenswürdigen Spuk in Schwarz-Weiß allmählich ein Ende.
Wie kam es zu dieser Flut kleiner schwarzer Köpfe und Figuren, die ein ganzes Volk (denn nur in Deutschland hatte sich der Schattenriß so weit verbreitet) erfaßte, vom Hochadel bis zum kleinen Studenten?
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»Keine Kunst reicht an die Wahrheit eines sehr gut gemachten Schattenrisses. Aus bloßen Schattenrissen habe ich mehr physiognomische Kenntnisse gesammelt, als aus allen übrigen Porträten, durch sie mein physiognomisches Gefühl mehr geschärft, als selber durch's Anschauen der immer sich wandelnden Natur. Der Schattenriß faßt die zerstreute Aufmerksamkeit zusammen, konzentriert sie bloß auf Umriß und Grenze und macht daher die Beobachtung einfacher, leichter, bestimmter, die Beobachtung und hiermit auch die Vergleichung. Die Physiognomik hat keinen zuverlässigeren, unwiderlegbareren Beweis ihrer objektiven Wahrhaftigkeit, als die Schattenrisse.«
So LAVATER, dem von weither Silhouetten zugeschickt wurden, damit er sie in seinen »Physiognomischen Fragmenten« abbilde, sie deute und dem Schattenspender vielleicht ein paar schmeichelnde Worte über sein bedeutendes Profil sage. |
Der Schattenriß, der aus Frankreich bei uns einwanderte, wurde begierig aufgenommen. Das Rokoko, Schnörkel und bewegtem Umriß aufgeschlossen, war gestorben. Die reine Linie und edle Form war seit den Anfängen des Klassizismus erstes künstlerisches Gebot. So kam die Silhouette, Kontur betonend, die Gestalt in feierliches Schwarz hüllend, den neuen Forderungen entgegen. Freundschaftskult und Andenkensucht taten das ihre, um die kleinen, schattenhaften Abbilder der Persönlichkeit, die überdies schneller herzustellen waren als die Bildnisminiatur, zu verbreiten.
| Der Papierschnitt, aus dem Orient kommend, hatte sich schon im 17. Jh. bei uns eingebürgert und prächtige Blüten hervorgebracht. Die minutiös geschnittenen Jagd-, Kriegs- und Tanzszenen des Rudolf Wilhelm HERRN UF STUBENBERG, fälschlich HUS genannt, gehören zu den kostbarsten Zeugnissen dieser frühen Schnittkunst. Eine holländische Dame, Jungfer RHIJBERG aus Rotterdam, soll besonders preziöse Weißpapierschnitte geliefert haben und kann für sich beanspruchen, mit einem Bildchen des englischen Königspaares im Jahre 1699 das erste datierte Sdinitt-Portrait gearbeitet zu haben.
Da diese Schnitte (die übrigens damals noch mit dem Messer gefertigt wurden) des Kontrastes wegen immer auf eine dunkle Unterlage gelegt wurden, ist der Schritt zum schwarzen Schnitt auf weißem Papier nicht mehr so weit. Er wurde in Frankreich getan, und man nannte diese Schattenfiguren dort zunächst »portraits ombres". |
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In Deutschland wurde der Schattenriß zunächst in Hofkreisen eifrig geübt, wanderte gegen Ende des Jahrhunderts ins Bürgertum ab und hielt sich dort einige Jahrzehnte. GOETHE, der selbst ein geschickter Silhouetteur war, vermerkte in seiner »Campagne in Frankreich«: Jedermann war im Silhouettieren geübt und kein Fremder zog vorüber, den man nicht abends an die Wand geworfen hätte, der Storchschnabel durfte nicht rasten.

Der STORCHSCHNABEL? Es war das Instrument, das den lebensgroßen Schatten, der auf einem Blatt Papier festgehalten wurde, verkleinerte. Dies verkleinerte Bildnis wurde dann getuscht und ausgeschnitten oder auch direkt auf schwarzes Papier übertragen. Um all dies zu erleichtern, wurden mit der Zeit die merkwürdigsten Apparate erdacht, unter ihnen der »Silhouettierstuhl«. Hierauf konnte der zu Portraitierende bequem sitzen, während der Schatten auf ein öldurchtränktes Papier abgezeichnet wurde, das hinter einer Glasplatte, an die man den Kopf lehnte, angebracht war.
Schwieriger wurde das Problem, als man auf die Idee kam, statt nur den Kopf auch die ganze Figur abzuschatten. Zu diesem Zweck verwendete man schon in den 8oer Jahren die »camera obscura«, die den ganzen Körper in ein zum Abzeichnen geeignetes Maß verkleinerte. In dieser Zeit kam das GENREBILD auf. Die Porträtsilhouette machte der Familienszene Platz, die nun auch dem freihändigen Scherenschnitt allerlei Phantasien erlaubte. Kaum waren diese schattenhaften Szenerien geschaffen, da fing man an, die Bildchen zu verspielen. Man malte Haare, Knöpfe und Spitzen in Federzeichnung oder Silberstift hinzu, hinterlegte die Kleidungsstücke farbig und bewegte sich Schritt für Schritt von der eigentlichen Silhouette hinweg. Die Kritik blieb nicht lange aus:
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»So wie übrigens jede Sache in mäßigen Händen in eine Spielerey ausarten kann, so ist es auch den Silhouetten ergangen. Man hat schon allerhand probiert, dem scheckigten Geschmack dieser oder jener Person Genüge zu tun. Die Geschicklichkeit, z. B. die Kopfzierraten der Frauenzimmer durchzuschneiden und sie mit Stücken Spitze und anderen bunten Zeugen hinterlegen, oder einem Dichterling, der in einem erbaulichen Leichengedicht Thränen und Sehnen, Noth und Tod zusammengereimet hat, einen grünen Lorbeer um seine schwarze Stirn zu winden, sind solche Produkte, von denen ich hier rede.« So ein Purist des Jahres 1780! |
Daß diese »Verfallszeit« noch ihre hohen Reize hatte, zeigen die HINTERGLASSILHOUETTEN (Goldglassilhouetten), die in den 8oer Jahren in Mode kamen. In eine auf die Glasplatte von hinten aufgeklebte Blattgoldschicht wurde die Silhouette mit schwarzer Tusche eingeritzt und ausgemalt. Das schöne, warme Blattgold verleiht diesen Silhouetten, die oft noch zusätzlich mit Seide hinterklebt wurden, eine leuchtende Lebendigkeit, wie sie die »reinen« Scherenschnitte nur selten erreichen. Wie sehr sich die Silhouette im wahrsten Sinne des Wortes »eingebärgert« hatte, vom ganzen Bürgertum gepflegt wurde, zogen die mannigfaltigsten Zeugnisse dieser Zeit.
Auf Fächern, Tassen, Gläsern, Broschen, Knöpfen, Pfeifenkopfen erschien sie, man legte sie ins Schreibtischholz ein, druckte sie in Büchern ab, und ein besonders Geschäftstüchtiger erfand die »Bou Magie«: eine aufgerauhte Messingblechsilhouette erlaubte von einem Konterfei hinderte von Abzügen herzustellen.
Das Silhouettieren gehörte ebenso wie das Klavierspiel zur Bildung der höheren Töchter. Man weiß von einer Silhouettier-Schule für Damen im schweizerischen Biel, die noch im Jahre 1840 eifrig besucht wurde! In diesen Jahren war es dann allerdings bald um die Silhouette, die in so liebenswerter Weise das Manuelle mit dem Mechanischen verband, geschehen. Bildnislithographie und Daguerrotypie verdrängten sie gegen Mitte des Jahrhunderts rasch vom Markt.
Quelle
Lydia Dewiel:
Das kleine Buch der Antiquitäten für stillvergnügte Sammler
(Nur noch antiquarisch erhältlich!)
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Buch-Tipp:
Der Scherenschnitt. Material, Techniken, Geschichte