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| Gebäckmodel und ihre Verwendung
Sammeln, backen und essen Besonders reizvolle, weil auch praktisch zu benutzende Antiquitäten sind alte Backmodel. Es sind figürliche oder omamentale Negativformen aus Holz, Ton, seltener aus Stein, Zinn, Schwefel und Gips, die zum Ausdrücken von Lebkuchenteig, aber auch für die Zuckermassen Tragant und Marzipan dienen. Noch heute sind sie zur Weihnachtszeit in manchen Gegenden Süddeutschlands und der Schweiz in Gebrauch, so im Schwäbisch-Allemannischen zur Anfertigung der mit Anis gebackenen sogenannten Springeries und im Fränkischen zur Herstellung des Nürnberger »Eiermarzipans«, das in kontrastreichen Farben bemalt wird.
Über die Ägypter berichtete Plutarch, dass sie den zu den Opfergaben der Isis gehörenden Kuchen ein gebundenes Nilpferd aufdrückten. Und zahlreiche römische Gebäckmodel sind durch Ausgrabungen, unter anderem bei Budapest und Mainz, bekanntgeworden. Sie zeigen unter anderem Darstellungen von Gladiatorenszenen, des Herkules, des Gottes Merkur, der Göttin Flora und römischer Kaiserbildnisse. In Mitteleuropa tauchen dann Model erst wieder im 14. Jahrhundert auf, die ältesten sind aus Kalkstein oder Schiefer geschnitten und stammen durchweg vom Mittelrhein. Aber auch Tonmodel treten bald danach im gleichen Gebiet auf und hundert Jahre später die ältesten Holzmodel. Man hat in ihnen sowohl Wachs wie Backwerk ausgeformt, lagen doch damals die Erzeugung und Vertrieb von Wachs und Honig in einer Hand, in denen der bienenzüchtenden Zeidler. So war vielfach auch das Handwerk des Wachs- oder Kerzenziehers gleichfalls das des Honig- oder Lebkuchenbäckers, des Lebzelters.
Da sich von solchen Modeln, wie sie bis ins 19. Jahrhundert hinein benutzt worden sind, eine beträchtliche Anzahl erhalten hat, lassen sich durch sie manche Rückschlüsse auf Stil, Thematik und künstlerische Qualität der auf ihnen gezeigten Darstellungen ziehen. Bei den szenischen Darstellungen sind die Vorbilder zum großen Teil der jeweils populären Graphik der Zeit entnommen, von Einblattholzschnitten über populäre Illustrationen aus den Bilderbibeln bis zu den Biedermeier-Bilderbogen aus Neuruppin und Epinal. Auf Grund der heute noch in Museen und privaten Sammlungen befindlichen europäischen Gebäckmodel der letzten fünfhundert Jahre lassen sich im wesentlichen folgende Themengruppen feststellen: Biblische Szenen des alten und neuen Testaments, Heiligendarstellungen, antike mythologische Szenen, profane Szenen, darunter Liebespaare, Bauerntänze und Jagdszenen, Wappendarstellungen, ornamentale Darstellungen, vor allem als Initialen oder Arabesken, und die unzähligen volkstümlichen Motive wie Wickelkinder, Wiegen, Herzen, Hochzeitskutschen, Damen, Kavaliere, Kanoniere, Herolde, Schiffe, Mühlen, Trompeten, Narren, Tiere, Blumen, verschlungene Hände, Liebesaltäre und Amoretten.
![]() Erst das 19. Jahrhundert fügt diesen volkstümlichen Themen vom Luftballon (in Holland) bis zu Eisenbahnen (in Frankreich), Luftschiffen (in Deutschland), Autos und Motorrädern (in Ungarn) eine vielfältig biederbürgerliche wie raffiniert- sentimentale Bilderwelt hinzu, die sich wohl am charakteristischsten und zuweilen in meisterhafter technischer Ausführung in den Modeln für die Schweizer Tirggel und die damals in alle Welt exportierten Lübecker Marzipantorten ausgedrückt hat. Eine besondere Gruppe sind die Model mit Architekturdetails von Obelisken, Toren, Türen, Fensterrahmen, Säulen, die seit dem 16. Jahrhundert vorkommen und zum Zusammenrügen und Verblenden von Marzipan- und Tragantgebäuden für meist fürstliche Tafeldekorationen dienten. Zu außergewöhnlichen Festmahlen, etwa bei Reichstagen, Fürstenhochzeiten oder Kaiserkrönungen, wurden für die zum Dessert bereiteten farbig bemalten und oft vergoldeten Marzipantorten eigens für diese Anlässe geschnitzte Model benutzt.
Es gibt Berichte von sogenannten großen Schauessen des 16. und 17. Jahrhunderts, bei denen ganze Tafeln mit Landschaft von Bäumen, Toren, Türmen, Schlössern, Tieren und Personen aus Zuckerwerk und Marzipan aufgebaut waren, die zum Abschluss des Banketts von den Gästen mit Orangen bewerten und dann dermaßen zertrümmert, verspeist worden sind. Eine Sitte, die wiederzubeleben jedem heutigen Modelsammler freisteht. Nachklänge einstiger Meisterschaft der Tortengestaltung mit Gebäckmodeln waren die von Lübecker Konditoren und Formenschneidern fabrizierten Model und Schwefelformen für diese Marzipantorten. Ihre Vorlagen waren, neben manchen romantisch-sentimentalen Szenen aus der »Gartenlaube«, Früchte und Blumenkörbe sowie die weit verbreiteten Lithographien nach Bildern der beliebten Genre-Maler der Zeit wie zum Beispiel Kaulbach.
aus "Sammeln macht Spaß"
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