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Osteuropäische Andachtsbilder als westeuropäischer Wandschmuck
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Ikonen gab es so zahlreich, daß heute die sowjetischen Behörden keineswegs befürchten müssen, bedeutende Zeugnisse russischen Kulturerbes ins Ausland zu verschleudern, wenn sie nach wie vor eine beträchtliche Ausfuhr durchschnittlicher Ikonen, vornehmlich des 19. Jahrhunderts, gestatten. Damit trägt eine kommunistische Regierung seit Jahren zu einem anhaltenden Boom auf den Antiquitätenmärkten des kapitalistischen Westens bei, allen voran denen in der deutschen Bundesrepublik.
Ikonen sind nämlich bei uns, offen gesagt, weitaus überteuert. Sie sind, was in gar keiner Weise etwas gegen ihren Reiz und ihre Bedeutung sagt, seit etlichen Jahren eine ausgesprochene Mode und in gewissen Kreisen, denen man früher nicht unbedingt besonderen Sinn für Kunst nachsagen konnte, bisweilen zu einer Art von Statussymbolen avanciert. |
Und fraglos sind auch kaum andere Kunstwerke in letzter Zeit so sehr in der Hoffnung auf gute Kapitalanlage erworben worden wie gerade Ikonen. Ob sie das jedoch wirklich in so großem Maße sind, dürfte etwas zweifelhaft sein.
Aus diesem allen folgt, daß das Sammeln von Ikonen heute unverhältnismäßig kostspielig ist. Daß Spitzenstücke von Museumsqualität aus dem 15. bis 18. Jahrhundert Spitzenpreise von etlichen zehntausend Mark erzielen, ist noch am ehesten begreiflich. Sie sind in der Tat rar, und gute, seltene alte Gemälde haben entsprechende Preise. Obzwar vergleichbare religiöse Bilder italienischer, französischer oder deutscher Provenienz, soweit es nicht signierte Werke von berühmten Meistern sind, sehr viel billiger bezahlt werden.
So kann man noch immer zum Beispiel durchschnittlich gemalte Szenen von Kreuzwegstationen des 19. Jahrhunderts aus Osterreich und Bayern irgendwo für hundert Mark das Stück auftreiben. Entsprechend durchschnittliche schlichte Ikonen der gleichen Zeit aber kosten mindestens fünf- bis zehnmal soviel, Stücke, die im deutschen Kunsthandel vor dem letzten Kriege für dreißig Mark nicht abzusetzen waren. |
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Andererseits zeigt gerade die Ikonenwelle, wie rasch man als Sammler sein Vermögen vermehren kann. Kollektionen von Ikonen, die schon vor mehr als zehn Jahren entstanden sind und heute zum Verkauf kommen, dürften, finanziell gesehen, eine Rendite erbringen, wie gewiß nur wenige andere Sammelobjekte.
Das Wort Ikone stammt aus dem Griechischen und bedeutet »Antlitz«, und in der Tat kommt auf den Ikonen der Darstellung der Gesichter am meisten Bedeutung zu. Viele von ihnen zeigen nur einzelne Heilige in frontaler Haltung, am häufigsten erscheint der Heilige Nikolaus, der Bischof von Myra, der unter anderem auch Schutzheiliger der Seefahrer ist.
Neben der Gottesmutter mit dem Kinde gehört zu den häufigen Darstellungen die sogenannte Troika, die Dreieinigkeit von Gottvater, Gottessohn und Heiligem Geist, die ebenfalls den vor ihnen betenden Betrachter frontal anblicken.
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In zahlreichen Malerschulen, zum Beispiel in Moskau, Nowgorod, Kiew, in den Klöstern von Rila in Bulgarien und denen des Berges Athos in Griechenland sind die Ikonen seit dem Ende des Mittelalters bis zum 19. Jahrhundert in fast unveränderter Grundkomposition der einzelnen Bildthemen, die zum Teil in Malbüchern genau festgelegt war, hergestellt worden. Niemals jedoch gibt es zwei einander identische Ikonen; sie sind also nie voneinander kopiert worden.
Da der abgebildete Heilige für den Gläubigen immer auch ein Nothelfer war, den er im Gebet anrufen konnte, stifteten die Hilfe erflehenden Gläubigen nach erhörtem Gebet für die betreffende Ikone eine sogenannte Risa, eine Verkleidung aus gehämmertem Silber, die auch vergoldet sein konnte und in feiner Ziselier- und Treibarbeit die Darstellung des nun hinter ihm verborgenen gemalten Bildes wiederholte. |
Nur für die gemalten Gesichter und Hände blieben in der Risa Aussparungen frei, so daß man dem Heiligen beim Gebet nach wie vor Angesicht zu Angesicht gegenübertreten konnte.
Trotz allem, was anfangs über die kommerziellen und zuweilen spekulativen Aspekte des Sammelns von Ikonen gesagt wurde: Sie gehören zu den wunderbarsten Zeugnissen sakraler Volkskunst, die es auf der Welt gibt. Wer jedoch erst anfangen möchte, sie zu sammeln, muß sich klar sein, daß es zur Zeit keine preisgünstige Liebhaberei ist. Vielleicht lohnt es sich, einige Jahre zu warten.
Quelle
Hans Jürgen Hansen:
"Sammeln macht Spaß"
Deutscher Bücherbund 1976
nur noch antiquarisch erhältlich